Heftiger Streit über offene Beziehungen in US-Medien

Polyamorie Flagge als Bild zu Artikel Heftiger Streit über offene Beziehungen
Die Polyamorie Flagge

Ein heftiger Streit über offene Beziehungen entbrannte in US-Medien, nachdem die bekannte Anthropologin und Sex-Forscherin Helen Fisher sich in einem Interview negativ über offene Beziehungen geäußert hatte.

Kein geringerer, als der mit seiner Artikelreihe Savage Love meist gelesene und in SavageLovecast auch gehörte Sex-Kolumnist in USA und Kanada, Dan Savage, homosexuell, Erfinder des Wortes mono-gamish, über das es auch einen Film gibt schrieb einen Artikel von seltener Schärfe gegen die Aussagen von Fisher.

Der Auslöser: was Helen Fisher gesagt hat

Die New York Times berichtete am 10.03.2017 über die offene Ehe der bekannten Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Mo´nique und ihres Mannes Sidney Hicks. Die beiden hatten vor zehn Jahren in einem Interview mit dem Magazin Essence ihr Arrangement öffentlich gemacht. Alle Arten von Reaktionen folgten, von Zustimmung bis aggressiver Kritik, besonders von Menschen, die sich bei ihrer Gegnerschaft auf Gott beriefen. Jetzt haben die beiden ein Podcast über ihre offene Ehe veröffentlicht, welches Anlass für den Artikel der New York Times war.

Gute Journalisten, wie die Redakteure der New York Times es üblicherweise sind, ließen sie außer den beiden auch Experten zu Wort kommen. Der Psychoanalytiker Douglas LaBier sagte, was Menschen wollten, seien „gesunde Beziehungen“. Für manche Menschen bedeute das, auch Beziehungen und Sex mit mehreren zu haben und darüber offen zu reden.

Helen Fisher wiederum, bekannt als Skeptikerin bezüglich offener Beziehungen und Polyamorie, vertrat eine andere Sichtweise. Demnach seien wir biologisch nicht zu derartigen Beziehungen fähig. In unserem Gehirn lägen die Teile, die für Liebe eine Rolle spielen direkt bei den Zentren für Durst und Hunger. Es seien grundlegende Teile, die sich so schnell nicht ändern.

Dies mag so sein, allerdings gibt es andere Wissenschaftler wie David Barash, der zwar aus ethischen Gründen die Monogamie für besser hält, aber in zwei Büchern die Evidenz aus diversen Wissenschaftszweigen zusammengetragen hat, dass kaum ein Tier sexuell monogam lebt, und Menschen auch von Natur aus promiskuitiv bzw polygam veranlagt sind. Sein neuestes Buch von 2016 fokussiert auf den Menschen.

Fisher ging aber noch über ihre biologische Argumentation hinaus. Sie spekulierte, dass Mo´nique und ihr Mann, wie alle Paare in offenen Beziehungen, eigentlich unglücklich seien. Sie würden zwar alle möglichen Regeln aufstellen und intellektuell versuchen, ihr Verhalten zu rationalisieren. Aber wenn man die Möglichkeit hätte, hinter verschlossene Türen zu schauen, fände man wahrscheinlich heraus, dass es emotional ganz anders aussehe.

Was Dan Savage – und andere – dagegen sagen

Dan Savage übt an mehreren Stellen Kritik an diesem Artikel. Zuerst weist er darauf hin, dass dieser in der Hochzeiten-Rubrik der NYT erschienen sei. Da fände man ohnehin eher die hoffnungslosen Romantiker der Monogamie. Dann beginnt Savage die zum Teil sachliche, zum Teil beißend persönliche Kritik. Die folgenden Übersetzungen stammen von mir, der Originalartikel ist unten verlinkt.

So wie die Monogamie selbst kein Beweis ist, dass eine Ehe stabil und liebend ist (ein Paar kann monogam und unfreundlich, vernachlässigt, emotional missbräuchlich, körperlich gewalttätig usw. sein), so ist Nicht-Monogamie allein kein Beweis, dass ein Paar instabil ist oder lieblos.

Savage bezeichnet dann Helen Fisher als jemand, der ganz offensichtlich den Verstand verloren hat. Danach stellt er ihre wissenschaftlicher Qualität infrage:

Fisher hat wichtige Forschung über die beste Strategie für ein zweites Date durchgeführt (Lade Sie zum Sushi ein) und was es bedeutet, wenn eine Person eine Menge Emojis benutzt (sie sind wahnsinnig geil).

Dann zitiert Savage ausführlich die Aussagen von Fisher und schreibt, was er davon hält:

Fisher’s aus-dem-Arsch-gezogene (Original: Yanked-from-Her-Ass)-Behauptungen über evolutionären Druck, der angeblich alle modernen Menschen mit Genen ausgestattet habe, die nur eine Art romantische „Bindung“ (nur Paare, immer sexuell exklusiv) und nur einen erfolgreichen „Paarungsprozess“ (Nur Paare, wieder, und es geht um die Kinder!)? Fisher’s Behauptung – ohne irgendwelche Daten zur Sicherung anzubieten – dass diese offenen Ehen „niemals langfristig funktionieren“.

Savage führt zur Widerlegung an, dass es überhaupt keine wissenschaftlichen Daten gebe, mit denen belegt werden könne, dass offene Beziehungen nicht dauerhaft funktionieren. Er zitiert dazu Dr. Debby Herbenick, eine Forscherin von der Indiana University, die sagt, Fishers Aussagen, widersprächen allen

Daten, die ich habe; Ich würde sie bitten, es zu beweisen. Wo sind ihre Daten? Ich weiß von keinen Daten, um das zu unterstützen.

An dieser Stelle weist Savage auf seine eigene homosexuelle Ehe als weiteren Beleg, dass offene Beziehungen langfristig funktionieren können. Er und sein Partner seien seit 21 Jahren zusammen, und seit 17 Jahren sei es eine offene Beziehung. Und hier zitiere ich im Original, denn die Übersetzung nähme dem nächsten Abschnitt die Würze.

I’m happy, Terry’s happy, and I’d like to think we qualify as a long-term success. Or, hey, maybe Terry and I need Helen Fisher to swing by the house and explain to us how we’re really secretly miserable, just like Mo’Nique and Hicks, and then we’ll finally do the right thing (by monogamy, not each other) and break up.

Savage hat auch zu der Behauptung, es läge an der Nähe bestimmter Bereiche im Gehirn, dass offene Beziehungen nicht funktionieren können, Experten befragt. Dr. Qazi Rahman, King’s College London, sagt dazu:

Diese Art von Modell der Gehirn-Verhalten-Beziehungen würde alle Arten von sehr seltsamen Vorhersagen generieren, die die meisten Neurowissenschaftler oder Neuropsychologen seltsam finden würden.

Noch deutlicher wird Dr James Pfaus von der Concordia Universität. Er erklärt zuerst, dass anders als Fisher behauptet, tatsächlich eine Vielzahl von Bereichen des Gehirns beteiligt sind:

Fisher begreift es einfach nicht Sie hat es nie begriffen. Ihr Blick auf das Gehirn ist eine neurochemische Phrenologie. (Hinweis: eine im 19 Jhdt populäre, aber ab 1860 als widerlegt geltende Theorie über die Funktion des Gehirns)

Zuletzt zitiert Savage Dr. David Ley:

Ich wüsste gerne, ob sie wirklich glaubt, Monogamie ‚funktioniere‘ langfristig, vor dem Hintergrund der Daten zu Scheidung und Untreue. Ich denke, das schädlichste an Fisher’s Ansatz ist ihre Verallgemeinerung ihrer persönlichen Glaubenssätze auf alle Menschen.

Savage schließt mit einem Appell:

Wir sollten die Menschen dazu ermutigen, sich selbst zu kennen, um herauszufinden, wer sie sind, was sie wollen, und was sie glücklich macht, was sie bereit sind, zu akzeptieren und was nicht. Aber Sex-und-Beziehung Quacksalber wie Fisher mobben stattdessen Menschen, damit sie monogame Verpflichtungen eingehen, die sie nicht halten können.

Savage ist also scharf in seiner Kritik, aber er hat wissenschaftlich belegten Grund dazu. Und seinem Appell, Menschen zu helfen, eigene Entscheidungen zu treffen, statt ihnen Märchen über biologische Festlegungen zu erzählen, kann ich nur zustimmen.

Der Artikel von Dan Savage.

 

Photo by C.A.Sizemore

Keine Kommentare vorhanden

Ihre Kommentare sind willkommen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*


Diese Seite verwendet das Plugin footnotes