Wo bleibt der Sex?

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An allen Ecken und Enden wird über Liebe gesprochen, diskutiert, gepostet, aber wo bleibt der Sex? Liebe wird proklamiert und beschworen, als Heilung für alles apostrophiert und steht synonym für das, was alles in diesem Universum verbindet. Es gibt TED-Vorträge über „Organisierte Liebe“, und in Wien gibt es demnächst ein ganztägiges „Liebes-Symposium“.

Alles das ist sehr begrüßenswert. Ich habe allerdings oft das Gefühl, dass dabei der Sex vergessen wird. Auf der Straße tragen junge Frauen zwar Tops, die mehr Haut zeigen als bedecken, aber auch in der größten Hitze ist darunter jedenfalls ein BH (really gruesome for me!). Sex wird in Medien als „eklig“ bezeichnet und selbst ausgewiesene Feministinnen berichten von fernen matriarchalen Gesellschaften, die polyandrisch leben, was aber „mit größter Diskretion“ gehandhabt wird.

Wir waren schon mal deutlich weiter…

Was ist schlecht oder diskretionsverlangend an Sex? Wo bleibt die Leidenschaft, das Vergnügen aneinander, die Freude, die tiefe Verbundenheit, die man nur empfindet, wenn man ineinander ist, die Dankbarkeit danach?

Viel Kampf und Tod, aber wo bleibt der Sex?

Man kann zwar anscheinend einer Menge Menschen ganz öffentlich den Tod bringen („Oh wie schrecklich“), aber der Vorgang, der Menschen zum Leben bringt, wird verschwiegen. Es gibt eine Menge Fight Clubs, aber es gibt nirgendwo Liebeszimmer. Und ich will jetzt nichts hören über Puffs, die unterstreichen gerade, was ich sage: die Diskriminierung, Verdrängung und Verleugnung von Sex.

Immer noch wird Monoamorie als Naturgesetz gesehen und eine Heirat als „schönstes Erlebnis“ kolportiert. Dabei ist lange nachgewiesen, dass es die Monoamorie nicht gibt. Selbst in Wikipedia steht und jeder Anthropologe kann es bestätigen: seit es Nachweise über menschliche Sexualität gibt, waren stets etwa 70% beider Geschlechter gleichzeitig mehrfach sexuell und liebend. Der Mensch ist kein monoamorisches Lebewesen, das ist Fakt. Und die Heirat als schönstes Erlebnis ist eine Lüge: Bei Scheidungsraten bis zu 70% und einer Tötungsmenge (!) in 2015 zwischen Ehepartnern von 2.500 Menschen alleine in Deutschland.

Treue ist etwas Anderes

Wie Kleinkinder verlangen viele Menschen „Treue“, wobei sie sexuelle, ja sogar attraktive Ausschließlichkeit meinen. Mit dem, was Treue bedeutet, hat das gar nichts zu tun, aber es klingt richtiger und lässt sich besser erpressen.

Meine Conclusio: ich wünsche mir etwas weniger „LiebeLiebeLiebe“ und etwas mehr Körperlichkeit, Sinnlichkeit und freudvolle offene Erotik. Ich glaube, das tut Not.

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Über Wolfgang Biebel 2 Artikel
Ich lebe seit mehr als 45 Jahren polyamor. Gelernt habe ich es bei einem 7-jährigen Aufenthalt in einer österreichischen polyamoren Großkommune mit 700 Menschen. Es ist für mich eine klare logische Entscheidung: Die Begrenzung auf nur einen Partner bringt Erpressbarkeit und Abhängigkeit folgerichtig mit sich, im Gegenzug Hass schon aus strukturellen Gründen.

1 Kommentar

  1. Hey lieber Wolfgang,
    danke für den Artikel. Ich kann dich gut verstehen.
    Vor allem der Punkt es wird zwar schon viel darüber gesprochen etc.
    aber oft eben in einem sehr sexuellen, verruchten, monogamen oder schlampigen Kontext.
    Sex und Sexualität heißt ja nicht nur mit einander schlafen.
    Da gehört wie du sagst Sinnlichkeit, Erotik, Dankbarkeit, Körpergefühl, Formen der Intimität uvw. dazu 🙂

    Mich beschäftigt das auch. Vor zwei Wochen habe ich genau dazu einen Artikel geschrieben:
    „Lasst uns über Sexualität reden“ – http://cusilife.de/sextalk/
    Ich würde mich freuen, wenn du mal rein schaust und mit mir teilst, was du dazu denkst 🙂

    Mit ganz vielen Grüßen
    Cosima

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