Polyamorie – Wie du (k)eine echte Beziehung führst?

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Cosima Siegling

Stelle dir vor du schwingst an einem Trapez. Dein Zirkuspartner soll dich auffangen – lässt du dich fallen?

„Ich könnte das nicht, so ganz ohne Sicherheit.“

Das ist einer der Sätze, den ich oft höre, wenn ich von meiner Polybeziehung erzähle.

Innerlich kommen da viele Stimmen und wollen rausschreien: Nein! So ist das nicht, du verstehst es nur nicht!

Und dann erinnere ich mich daran, dass es nicht darum geht, etwas nicht zu verstehen, sondern sich etwas nicht vorstellen zu können. Vielleicht weil mein Gegenüber noch nicht so oft in einer Polyzirkusmanege war.

Wie beim Schwingen an einem Trapez geht es bei Polybeziehungen um Vertrauen und Übung.

Mein Freund und ich können uns frei mit anderen Menschen treffen, mit ihnen schlafen oder einfach nur Tee mir ihnen trinken. Wir erzählen uns, wenn wir andere Menschen sehen und auch welche Art von Körperlichkeit es gab.

Meine Beziehung wird interpretiert, wenn ich von ihr spreche

Zum Beispiel, dass sie nicht echt oder ernst ist.
Eine Frage an dich: Was ist eine ernste Beziehung für dich?
Was ich mir wünsche ist, dass gefragt, anstatt interpretiert wird.
Zum Beispiel: Ich stelle mir deine Beziehung mit viel Unsicherheit vor.
Wie empfindest du das?

Polyamorie und Sicherheit sind zwei Begriffe, die in einen Lostopf geworfen werden. Entweder du ziehst das eine oder das andere. Beides zusammen wäre schummeln. Ist das so?

Ich glaube beides kann sehr gut zusammen gehen.

Sicherheit und Treue sind eng mit einander verbunden. Dabei wird Treue oft gleichgesetzt mit Monogamie.

Nur wir zwei, bis der Tod uns scheidet.
Treue wird dabei dann auf sexuelle Treue beschränkt.
Wobei eine romantische Beziehung auch nur auf emotionaler Ebene stattfinden kann.

Treu sein heißt für mich, sich an die Regeln zu halten, die gemeinsam ausgemacht wurden. 

Warum ich mich in meiner Polybeziehung sicherer fühle, als je zuvor?

Weil wir die Regeln zusammen abgemacht haben. Es gibt keinen ungeschriebenen Code, an den wir uns zu halten haben. Wenn wir uns nicht gut fühlen mit dem, was gerade los ist, dann fühle ich mich sicher, dass ich das aussprechen darf.
Ich darf da sein mit meinen Gefühlen. Ich muss mich nicht schämen, auch nicht für meine Eifersucht.

Gleichzeitig heißt es für mich Sicherheit, dass ich meinem Partner vertraue, dass er ehrlich zu mir ist und sich ausdrückt, wenn ihn was beschäftigt.

Ehrlichkeit heißt für mich Sicherheit. Ich muss kein Rätselraten spielen, sondern kann mich darauf verlassen, dass mein Partner mit mir kommuniziert.

Das ist natürlich nicht nur in einer Polybeziehung wichtig. Das ist für jede Form Beziehung ausschlaggebend. Gebt euch einen sicheren Hafen, in dem ihr ihr selbst sein dürft und euch vertraut.

In meiner Wahrnehmung gibt es einen bestimmten Ablauf in unbewussten, monogamen Beziehungen:

Zwei Menschen kommen zusammen und ab einem gewissen Punkt wird  erwartet, dass mit keinem anderen Menschen gekuschelt, geknutscht  oder geschlafen wird. (Manchmal fühlt es sich schon ‚falsch‘ an mit anderen Menschen, des Geschlechts an dem man interessiert ist, zu sprechen oder sich mit ihnen zu treffen)

Doch all die „Abmachungen“ werden angenommen, anstatt ausgemacht. Es gibt keine klaren Absprachen. Deswegen entsteht ein Jonglieren mit unklaren Situationen, Schuldgefühlen und Unsicherheit.

Was polyamor sein für mich bedeutet?

Ich merke immer wieder es geht darum, die eigene Beziehung bewusst und aktiv zu gestalten, so wie ich mich wohl fühle (und alle Beteiligten). Mein Freund und ich haben vier Hauptabsprachen mit einander:

1 – Wir übernehmen Verantwortung für uns und unsere Gefühle.

Wir erwarten nicht, dass der andere weiß, was wir fühlen und unsere Wünsche und Grenzen erraten kann. Es ist unsere Verantwortung uns auszudrücken und nach dem zu fragen, was wir brauchen, damit es uns gut geht.

2 – Wir sind ehrlich zu einander.

Wir erzählen uns immer, wenn wir uns mit jemand anderen treffen, wenn wir was mit anderen Personen hatten und inwieweit Körperkontakt involviert war. Wir können offen sagen, wenn wir jemanden süß oder attraktiv finden.

3 – Wenn wir nicht gemeinsam an einem Ort sind, können wir frei machen, was sich gut anfühlt. 

Wir haben vorher mit einander besprochen, dass es für uns ok ist, alles zu machen, was wir wollen mit anderen Menschen.

4 – Wenn wir gemeinsam wo sind, fragen wir immer vorher, wie es sich für den anderen anfühlt, wenn wir unseren Wünschen folgen, z.B. jemand anderen zu küssen.

Wenn wir zusammen z.B. auf eine Party gehen, checken wir vorher nochmal gegenseitig ab, ob die Absprachen für heute so passen, wie sie sind oder ob wir etwas hinzufügen oder ändern wollen für diese gemeinsame Zeit.

 

Für uns funktioniert das gerade sehr gut so. Ich liebe die Stabilität und Unterstützung, die wir uns geben und gleichzeitig die ehrliche Freiheit, die ich genießen kann.

Für mich ist es eins der schönsten Gefühle auf einer Party auch mal mit wem anders zu knutschen und ich weiß, am Ende des Abends nimmt mein Freund meinen Hand und wir gehen zusammen nach Hause.

(Und wenn nicht, dann kann man da auch drüber reden 😉 )

Vielleicht siehst du schon, oft denken Menschen, bei Polyamorie geht es darum Sex zu haben, doch es geht hauptsächlich um Kommunikation.

Was ich mir für dich wünsche?

Egal an welchem Punkt du in deiner Beziehung stehst. Schäme dich nicht für deine Gefühle, Wünsche oder Ängste.
Nimm sie an und sprich sie aus.

Wenn du anderen Menschen begegnest, die die „Echtheit“ deiner Beziehung in Frage stellen, kannst du dich fragen, warum ist es dir wichtig, dass andere Menschen deine Beziehung als echt ansehen und ernst nehmen.
Und was dein Gegenüber unter einer echten Beziehung versteht.

Denn auch wenn sich eure Vorstellungen unterscheiden, am Ende geht es darum, jede Form von Beziehung zu feiern!

Ergänzung 29.07.2017:

Eine Ergänzung zu den Definitionen:
Polyamorie heißt längerfristige Beziehungen mit mehr als einer Person anzustreben.
Wobei Beziehungsanarchie (/offene Beziehung) kurze Verbindungen außerhalb der eigenen Beziehung erlaubt.

Die beiden Formen müssen nicht getrennt sein sondern können auch wunderbar zusammen passen, so wie es sich für dich gut anfühlt. Labels können uns einerseits unterstützen, aber uns auch manchmal einengen.
Höre in dich rein, was sich gut für dich anfühlt.

 

Auf meinem Blog schreibe ich über Selbstliebe, Sexualität und ein bewusstes, positives Mindset.
Ein Interview mit mir zu Polyamorie findest du hier: http://cusilife.de/interview-polyamorie/
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