Hat Polyamorie mit Bindungsangst zu tun?

Was hat Polyamorie mit Bindungsangst zu tun?

Kürzlich habe ich mich in einer Einleitung zu einer Lesung getraut, etwas salopp zu sagen, dass man überlegen sollte, ob Polyamorie manchmal (nicht bei allen aber manchen Polyamourösen) etwas mit Bindungs- oder Trennungsängsten zu tun haben könnte. Tatsächlich muss ich mich etwas ausführlicher erklären, damit deutlich wird, dass ich mich hier nicht auf Modejournalpsychologie stütze, sondern aus eigener Betroffenheit heraus argumentiere. Darum wird es nun gleich ein wenig persönlich und damit natürlich auch nicht streng wissenschaftlich.

So lesen jene, die bereits wissen, dass Polyamorie nach ihrem Empfinden ganz bestimmt nichts mit Bindungsangst zu tun hat, hier besser nicht weiter, denn ich werde sie nicht von etwas anderem überzeugen können und wollen. Aber vielleicht gibts auch ein paar Nasen, die das Thema doch interessiert. Ich habe keine fertige Meinung, sondern würde gern eine ehrliche Diskussion führen, mit Menschen, die bereit und offen sind, ihre Erfahrungen und Gedanken kritisch unter die Lupe zu nehmen und die solche Überlegungen nicht als „Verrat“ an Polyamorie lesen. Vielleicht ist ja das Resultat dieser Diskussion, dass Polyamorie ganz bestimmt keineswegs etwas mit Bindungsängsten zu tun hat und dass höchstens einige Bindungsängstliche auch polyamourös sind, so wie viele andere auch.

Poly Gen Projekt fand Hinweise auf sicheren Bindungsstil – aber was heißt das?

In den Ergebnissen des Poly-Gen-Project, einer interessanten Studie aus dem Jahr 2017, die der Frage nachging, ob es genetische Hinweise für monogame oder polyamore Lebensstile gibt, finden wir folgenden Hinweis:

In der Tat zeigten sich nicht-monogame Probanden als weniger ängstlich, unterschieden sich aber nicht auf der Dimension Vermeidung. In der Regression sagte ein hohes Maß an Vermeidung sogar einen monogamen Beziehungsstil voraus. Die Daten deuten darauf hin, dass Nicht-Monogame keinesfalls unsicher gebunden sind, sondern genauso, vielleicht sogar noch mehr, eine Tendenz zur sicheren Bindung haben als Monogame.

Hier würde ich einhaken und kritisch einwenden, dass eben die Frage ist, was „eine Tendenz zu einer sicheren Bindung“ genau bedeutet. Denn Bindungsängstliche haben ja diese Angst womöglich, weil sie gleichzeitig eine Trennungsangst haben und eigentlich aus diesem starken Bindungsbedürfnis heraus ein Vermeidungsverhalten entwickeln, um den daraus resultierenden Trennungsschmerz zu vermeiden. Vielleicht wird im nächsten Abschnitt noch klarer, was ich damit meine. Im Folgenden geht es mir um sexuelle Intimbeziehungen, in denen das Begehren eine dominante Rolle spielt. (Also bloss ein Segment von Polybeziehungen, aber eines, das doch viele Menschen sehr beschäftigt).

Fifty Shades of Grey und Bindungsangst

Witzig: wenn man im Netz nach dem Stichwort „Bindungsangst“ Bücher sucht, kommt ungefähr an erster Stelle „Fifty Shades of Grey“. Wahrscheinlich liesse sich der Kioskroman so zusammenfassen: Die grosse Liebe half dem Bindungsängstlichen, seine Störung zu überwinden. Happy End! Wenn es so einfach wäre… Das Einzige, was mir aus einem psychologischen Ratgeber zum Thema an nützlicher Differenzierung geblieben ist, betrifft die Unterteilung, dass man passive und aktive Vermeider beschreiben kann. Gemeint ist, dass man entweder selber immer wieder einen Rückzieher macht, wenn jemand sehr nah und verbindlich werden möchte oder umgekehrt, dass man sich in Menschen verliebt, die ihrerseits nicht ganz nah sein können, sei es, weil sie schon andere Primärbeziehungen haben oder weil sie geografisch weit weg sind, da sie mit ihrer Arbeit verheiratet sind oder ständig ihren Hobbies fröhnen, was immer. Meistens geht es nicht nur um eine quantitative Einschränkung, denn es kann ja sein, dass eine Fernbeziehung doch sehr nah und intensiv ist, sondern um eine Vermeidung von Berührung in einem umfassenden Sinne.

Natürlich ist es relativ, was „ganz nah“ heisst. Ich sags mal so: es fühlt sich immer nicht nah genug an. Wieviel daran subjektiv oder objektiv ist, lässt sich bestimmt nicht so genau eruieren. Ich nenne jene die „abwesenden Anderen“. Selber kenne ich beide Rollen. Ich kenne die Enge, die mir die Kehle zuschnürt, wenn mir jemand zu Füssen liegt und am liebsten in einer Symbiose verschmelzen möchte und ich kenne das innere Elend, wenn ich gern mehr Nähe teilen würde, aber den Anderen ist das unmöglich, aus genannten Gründen. Ich machte auch die Erfahrung, dass sich die Rollen vertauschen (denn womöglich haben ja beide oder alle Beteiligten ein Ding am Laufen mit diesen Nähe-Ängsten). Das zeigt, dass die inneren Bedürfnisse im Grunde paradox sind. Natürlich können wir uns die Frage stellen, ob es beim Begehren nicht in der Natur der Sache liegt, dass die Sehnsucht eine sehr wichtige Rolle spielt, da man ja bekanntlich das speziell begehrt, was nicht schon da ist. Bloss gibt es da riesige Unterschiede. Wenn sich beispielsweise ein Teenie in einen Star verliebt und sich ständig wünscht, dass sich der Star auch umgekehrt verlieben soll, ist das eine typisch illusorische Situation. Die Beziehung wird höchstwahrscheinlich nur in der Fantasie zustanden kommen.

Möglichst wenig leiden wollen

Im Verlaufe meines Lebens versuchte ich einen Weg zu finden, um möglichst wenig zu leiden. Oder: um möglichst viel Nähe zu teilen, aber eben doch nicht erstickend viel. Und hier kommt die Polyamorie ins Spiel. Auch wenn ich dieses Wort, als ich jung war, nicht kannte, so diskutierte ich doch die Grundidee und sie war mir sogleich sympathisch. Es schien einen Ausweg aus dem vorhandenen Elend der Verunmöglichung zu geben. Natürlich war diese Auseinandersetzung ein jahrelanger Prozess, die Aufmerksamkeit war gefesselt von den konkreten Ups und Downs – alles in allem gabs sehr wenig innere Ruhe. Es gab gute Momente und schlechte, Freude und Schmerz. Unter dem Strich vielleicht ganz ähnlich viel wie in in einer frühen Phase grösserer konventioneller Angepasstheit.

Der Kern der Überlegungen

Die theoretische Auseinandersetzung war insbesondere politischer oder analytischer Natur, da sich ja alternative Beziehungsmodelle in mitteleuropäischen Breitengraden erst in den letzten Jahren ein wenig mehr durchzusetzen beginnen. Und nun versuche ich zum Kern meiner Überlegung oder Behauptung zu kommen: angenommen man hat die eben genannten Bindungsängste in überdurchschnittlichem Ausmass (denn die meisten Menschen haben das ja vermutlich ansatzweise), dann kann Polyamorie diese Problematik höchstens verdecken, aber nicht auflösen. Vielleicht lassen sich die Symptome etwas mildern – denn wenn zum Beispiel zwei Beziehungen wenig Zeit und Aufmerksamkeit haben, ist das immer noch weniger schlimm wie wenn es nur eine ist. Oder doch nicht?! Denn die Sehnsucht nach tiefen verbindlichen Beziehungen und Auseinandersetzungen in „Begehrensbeziehungen“ bleibt.

Tricky ist das Ganze, weil Begehrensstrukturen nicht so einfach grundlegend verändert werden können. So wie auch gewisse Identitäten sehr stabil zu sein scheinen (cis- und transidentische Personen beispielsweise haben einen konstanten Wunsch cis oder trans zu sein), oder wie auch gewisse problematische Begehrensformen, etwa pädophile Menschen, ein nicht therapierbares Begehrensmuster haben. Es geht mir hier nicht darum, zu bewerten, was nun pathologisch ist oder nicht sondern mehr um die Frage, wie weit wir unser Begehren aktiv und bewusst verändern können. Ich glaube, wir können uns genau beobachten, aber wieweit sich verstärkte Bindungsängste grundlegend verändern lassen, ist mir nicht ganz klar.

Nähe als tiefgreifende Möglichkeit zur Veränderung

Was ich letztlich als tiefgreifende Möglichkeit für Veränderung erahne oder erlebe, ist die Konfrontation mit dem Thema Nähe – Distanz. Genau wie die Konfrontation mit Eifersucht oder dem Gefühl von Einsamkeit ein Weg sein kann, um diese zu verändern, so sehe ich einen Weg mit diesen Bindungsängsten. Und das bedeutet, dass man überhaupt in Situationen hineingehen muss, in denen sie auftauchen, um genauer zu erfassen, was das auslöst. Und das ist in ALLEN Beziehungsformen möglich, hierzu ist Polyamorie nicht zwingend eine hilfreiche Form, ich vermute sogar: im Gegenteil. Das muss ja nicht bedeuten, dass man nun monogam verheiratet leben muss. Ich bin sicher, es gibt Menschen, die lassen sich mehrfach sehr tief auf Andere ein, das halte ich sehr wohl für möglich. Bloss kann man sich fragen, ob man in der Komplexität von Vielfachbeziehungen nicht leicht jene Konzentration verlieren kann, die entsteht, wenn man sich ganz fokussiert einlässt. Nicht nur auf andere, sondern in erster Linie auch auf sich selber! Notwendig hierfür ist letztlich, dass man keine Angst hat, sich sein Alleinsein einzugestehen und zu erleben, dass wir alles was uns glücklich macht, bereits in uns tragen. So entsteht Raum, sich zu binden ohne sich zu verlieren. Da ich ein freiheitsliebender Mensch bin komme ich zum Schluss: manchmal ist es auch belebend, wiedermal zu scheitern. Und gemäss Beckett scheitern wir ja womöglich jedesmal ein wenig besser.

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Erfahrungen mit Polyamorie

Sie finden in der Artikelserie Erfahrungen mit Polyamorie auf Polyamorie Magazin alle Artikel, in denen es um Erfahrungsberichte über Polyamorie geht.

Weitere Artikelserien über Polyamorie

In den Artikelserien über Polyamorie finden Sie alle Artikel zu diesem Thema, beispielsweise:

Sie finden hier Artikel, die ich in aller Welt gefunden habe, zumeist in deutscher und noch öfter in englischer Sprache, dann habe ich meist eine Zusammenfassung geschrieben.

Allgemeine Informationen über Polyamorie

Informationen über Polyamorie finden Sie im Bereich Was ist Polyamorie, unter anderem darüber, was Polyamorie ist, wie Polyamorie funktioniert, wo Sie andere Polyamorie lebende Menschen treffen können, sowie weitere Themen in diversen Unterbereichen, beispielsweise:

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mm
Über Dominique Zimmermann 3 Artikel
*1972, Philosophin, Schriftstellerin und Journalistin, lebt und arbeitet hauptsächlich in Basel. Seit 1999 Tätigkeit als Philosophische Praktikerin. Schwerpunkte: Sexualitäten und Beziehungen, Polyamorie. Diverse Publikationen, u.a. «Die andere Beziehung. Polyamorie und Philosophische Praxis», Schmetterling Verlag 2012.

1 Kommentar

  1. Ein nachdenklicher und mutiger Artikel, denn er stellt unbequeme Fragen. Ich denke, es gibt sicher auch unter polyamor lebenden Menschen welche mit Bindungsangst. Ich tendiere aber doch eher dazu, den wissenschaftlichen Ergebnissen zu folgen, dass polyamor lebende Menschen intensive Beziehungen mit viel Vertrauen und Nähe pflegen. Das entspricht auch meiner persönlichen Erfahrung. Siehe dazu: https://polyamoriemagazin.de/de/was-ist-polyamorie/vorurteile-ueber-polyamorie/#Vorurteil_Polyamorie_ist_eine_Art_sich_vor_Bindung_zu_druecken.

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